18.9.2026
Lesezeit:
18 Min.

Grading & Staging – Netzhaut

Klinisches Nachschlagewerk: AMD mit Fundusbild pro Stadium, diabetische Retinopathie, hypertensive Retinopathie sowie vitreomakuläres Interface inklusive PVD, MYOPRED und Makulaforamen

Dr. Valéry Vinzent Wittwer

Schnelles klinisches Nachschlagewerk für etablierte Klassifikationen der Netzhaut. Jeder Eintrag nennt die publizierte Klassifikation, die Untersuchungstechnik, die Kategorien in der publizierten Form, kurze klinische Hinweise und ein Dokumentationsbeispiel. Wo keine allgemein akzeptierte Klassifikation existiert, wird dies ausdrücklich gesagt. Alle Zahlenwerte stammen aus den am Ende aufgeführten Originalpublikationen; nichts wurde ergänzt oder gerundet.

Altersbedingte Makuladegeneration

AMD – Beckman-Klassifikation

Klassifikation: Beckman Initiative for Macular Research Classification Committee, Ferris FL 3rd et al., Ophthalmology 2013 (1).

Was beurteilt wird: die klinische AMD-Kategorie eines Auges anhand des Fundusbefundes, als Grundlage für Risikokommunikation und Kontrollintervalle.

Untersuchung: Funduskopie in Mydriasis oder Farbfundusfotografie. Beurteilt werden Läsionen innerhalb von zwei Papillendurchmessern um die Fovea bei Personen über 55 Jahren.

Kategorien:

  • Keine sichtbaren Altersveränderungen – keine Drusen und keine AMD-typischen Pigmentveränderungen
  • Normale Altersveränderungen – nur kleine Drusen (<63 µm, sogenannte Drupelets), keine Pigmentveränderungen
  • Frühe AMD – mittelgrosse Drusen (≥63 µm bis <125 µm), keine Pigmentveränderungen
  • Intermediäre AMD – grosse Drusen (≥125 µm) und/oder AMD-typische Pigmentveränderungen bei mindestens mittelgrossen Drusen
  • Späte AMD – neovaskuläre AMD und/oder geographische Atrophie

Bildbeispiele, ein Fundusfoto pro Kategorie:

Farbfundusfoto einer unauffälligen Makula ohne Drusen und ohne Pigmentveränderungen
Keine sichtbaren Altersveränderungen – unauffälliger hinterer Pol, keine Drusen, keine Pigmentveränderungen. Bild: National Eye Institute, National Institutes of Health (EDA06), gemeinfrei.
Farbfundusfoto mit wenigen kleinen harten Drusen am hinteren Pol
Normale Altersveränderungen – nur wenige kleine harte Drusen (Drupelets), keine Pigmentveränderungen. Bild: Jmarchn, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.
Farbfundusfoto mit zahlreichen harten Drusen im Makulabereich
Frühe AMD – mittelgrosse Drusen im Makulabereich, keine Pigmentveränderungen. Bild: Jmarchn, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.
Farbfundusfoto mit konfluierenden weichen Drusen der Makula
Intermediäre AMD – grosse, teils konfluierende weiche Drusen, rechtes Auge eines 70-jährigen Mannes. Bild: Ipoliker, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.
Farbfundusfoto mit scharf begrenzter geographischer Atrophie am hinteren Pol
Späte AMD, atrophe Form – geographische Atrophie mit scharf begrenzter Demarkation und durchscheinenden Aderhautgefässen. Bild: Ktkvtsh, Wikimedia Commons, CC0.
Farbfundusfoto mit zentraler Makulaläsion bei später Makuladegeneration
Späte AMD, neovaskuläre Form – zentrale Läsion mit Exsudation und beginnender Vernarbung. Bild: Tmhlee, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.

Hinweis zu den Abbildungen: Die Bilder stammen aus frei lizenzierten Quellen und illustrieren die typische Morphologie der jeweiligen Kategorie. Sie wurden von den Originalautoren nicht nach Beckman graduiert und ersetzen keine eigene Befundung.

Klinische Hinweise:

  • Klassifikation des Auges, nicht Graduierung einer einzelnen Läsion.
  • Pigmentveränderungen führen nur dann zur intermediären AMD, wenn mindestens mittelgrosse Drusen vorliegen.
  • Das Fünfjahresrisiko für eine späte AMD steigt über die Skala etwa um den Faktor 100, von rund 0,5 % bei normalen Altersveränderungen bis rund 50 % in der Gruppe mit dem höchsten intermediären Risiko.
  • Nicht mit der AREDS Simplified Severity Scale vermischen, diese ist ein Risikoscore.

Dokumentationsbeispiel: AMD, intermediär (grosse Drusen beidseits, Pigmentveränderungen rechts).

AMD – AREDS Simplified Severity Scale

Klassifikation: AREDS Report No. 18, Ferris FL et al., Arch Ophthalmol 2005 (2).

Was beurteilt wird: das Fünfjahresrisiko, an mindestens einem Auge eine fortgeschrittene AMD zu entwickeln.

Untersuchung: klinische Untersuchung oder Fundusfotografie; Risikofaktoren pro Auge zählen, dann beide Augen addieren.

Scoring:

  • 1 Risikofaktor pro Auge für eine oder mehrere grosse Drusen (≥125 µm, Breite einer grossen Vene am Papillenrand)
  • 1 Risikofaktor pro Auge für jegliche Pigmentveränderung
  • Bestehen keine grossen Drusen, zählen mittelgrosse Drusen an beiden Augen als 1 Risikofaktor
  • Score 0 – etwa 0,5 % Fünfjahresrisiko
  • Score 1 – etwa 3 %
  • Score 2 – etwa 12 %
  • Score 3 – etwa 25 %
  • Score 4 – etwa 50 %

Klinische Hinweise:

  • Risikostratifizierung, kein anatomisches Staging. Der Score beschreibt den Patienten, nicht ein einzelnes Auge.
  • Die Risiken beziehen sich auf fortgeschrittene AMD nach AREDS-Definition.
  • Eine aktualisierte Version, die retikuläre Pseudodrusen berücksichtigt, wurde als AREDS Report 42 publiziert (3).

Dokumentationsbeispiel: AREDS Simplified Score 2 (grosse Drusen beidseits), geschätztes Fünfjahresrisiko fortgeschrittener AMD rund 12 %.

AMD – OCT-Atrophie, CAM-Klassifikation

Klassifikation: Consensus der Classification of Atrophy Meetings (CAM); Sadda SR et al., Ophthalmology 2018, Report 3 (4); Guymer RH et al., Ophthalmology 2020, Report 4 (5).

Was beurteilt wird: Vorliegen und Stadium der Atrophie bei AMD im OCT.

Untersuchung: OCT als Referenzmethode; Autofluoreszenz, Infrarotreflexion und Farbaufnahmen ergänzend.

Begriffe: cRORA (complete RPE and outer retinal atrophy), iRORA (incomplete RPE and outer retinal atrophy), cORA (complete outer retinal atrophy), iORA (incomplete outer retinal atrophy).

cRORA, alle vier Kriterien erforderlich:

  • Bereich mit Hypertransmission von mindestens 250 µm Durchmesser
  • Zone mit Abschwächung oder Unterbrechung des RPE von mindestens 250 µm Durchmesser
  • Hinweis auf darüberliegende Photorezeptordegeneration
  • Kein aufgerolltes RPE und keine anderen Zeichen eines RPE-Risses

iRORA, im Kontext von Drusen:

  • Bereich mit Signal-Hypertransmission in die Aderhaut
  • Korrespondierende Zone mit Abschwächung oder Unterbrechung des RPE
  • Hinweis auf darüberliegende Photorezeptordegeneration
  • Der Begriff wird bei RPE-Riss nicht verwendet

Klinische Hinweise:

  • iRORA beschreibt Veränderungen, die der cRORA häufig vorausgehen; longitudinale Daten bestätigen den Übergang von iRORA zu cRORA.
  • Die 250-µm-Grenzwerte gelten nur für cRORA.
  • cORA und iORA beschreiben äussere Netzhautatrophie bei noch intaktem RPE.

Dokumentationsbeispiel: cRORA, subfoveal, grösster linearer Durchmesser 1,2 mm im OCT.

Diabetische Retinopathie

Internationale klinische Schweregradskala der diabetischen Retinopathie

Klassifikation: Wilkinson CP et al., Ophthalmology 2003 (6).

Was beurteilt wird: klinischer Schweregrad der diabetischen Retinopathie in fünf Stufen, für Screening und Kommunikation.

Untersuchung: Funduskopie in Mydriasis oder Fundusfotografie.

Stufen:

  • Keine sichtbare Retinopathie – keine Veränderungen
  • Milde NPDR – ausschliesslich Mikroaneurysmen
  • Mässige NPDR – mehr als nur Mikroaneurysmen, aber weniger als schwere NPDR
  • Schwere NPDR – eines der 4-2-1-Kriterien und keine Zeichen einer proliferativen Retinopathie
  • PDR – Neovaskularisationen und/oder Glaskörper- beziehungsweise präretinale Blutung

Klinische Hinweise:

  • NPDR = nicht proliferative diabetische Retinopathie, PDR = proliferative diabetische Retinopathie, IRMA = intraretinale mikrovaskuläre Anomalien.
  • Die internationale Skala hat nur fünf Stufen. Die ETDRS-Level sind eine separate, feinere Studienskala und sollten nicht damit vermischt werden.

Dokumentationsbeispiel: Mässige NPDR beidseits, kein sichtbares Makulaödem.

Schwere NPDR – 4-2-1-Regel

Klassifikation: internationale klinische Skala, Wilkinson CP et al. 2003 (6).

Kriterien, von denen eines genügt, sofern keine Zeichen einer proliferativen Retinopathie vorliegen:

  • Mehr als 20 intraretinale Blutungen in jedem der vier Quadranten
  • Eindeutiges venous beading in zwei oder mehr Quadranten
  • Ausgeprägte IRMA in einem oder mehr Quadranten

Klinische Hinweise:

  • Die ETDRS-Formulierung lautet anders: schwere intraretinale Blutungen und Mikroaneurysmen in jedem der vier Quadranten, eindeutiges venous beading in zwei oder mehr Quadranten, mässige IRMA in einem oder mehr Quadranten.
  • Very severe NPDR, definiert als zwei oder mehr dieser Kriterien, stammt aus dem ETDRS-Kontext und ist nicht Teil der fünfstufigen internationalen Skala.
  • Jeden Quadranten einzeln beurteilen, bevor die Regel angewendet wird.

Dokumentationsbeispiel: Schwere NPDR rechts (venous beading in 3 Quadranten), keine Neovaskularisationen.

Proliferative diabetische Retinopathie

Klassifikation: internationale klinische Skala, Wilkinson CP et al. 2003 (6); darüber hinaus deskriptive Dokumentation.

Zu dokumentieren:

  • Neovaskularisationen der Papille (NVD)
  • Neovaskularisationen an anderer Stelle (NVE), mit Lokalisation
  • Präretinale Blutung
  • Glaskörperblutung
  • Traktive Komponenten oder Netzhautablösung, falls vorhanden

Klinische Hinweise:

  • Die internationale Skala unterteilt die PDR nicht weiter; der Schweregrad wird deskriptiv dokumentiert.
  • High-risk characteristics ist ein historischer Begriff aus der Diabetic Retinopathy Study. Die genauen quantitativen Kriterien sind hier nicht wiedergegeben und sollten den DRS-Originalberichten entnommen werden. Zur fachlichen Prüfung markiert.

Dokumentationsbeispiel: PDR rechts, NVD etwa ein Viertel Papillenfläche, keine Glaskörperblutung.

Diabetisches Makulaödem

Klassifikation: internationale klinische Schweregradskala des diabetischen Makulaödems, Wilkinson CP et al. 2003 (6).

Was beurteilt wird: Vorliegen eines Makulaödems und dessen Abstand zum Makulazentrum.

Untersuchung: Netzhautverdickung erfordert eine dreidimensionale Beurteilung, am besten mittels Spaltlampenbiomikroskopie in Mydriasis oder stereoskopischer Fundusfotografie. Harte Exsudate sind Zeichen eines aktuellen oder früheren Ödems.

Stufen:

  • Makulaödem sichtbar nicht vorhanden – keine erkennbare Netzhautverdickung und keine harten Exsudate am hinteren Pol
  • Makulaödem sichtbar vorhanden – erkennbare Netzhautverdickung oder harte Exsudate am hinteren Pol

Falls vorhanden:

  • Mild – Netzhautverdickung oder harte Exsudate am hinteren Pol, aber entfernt vom Makulazentrum
  • Mässig – Netzhautverdickung oder harte Exsudate nahe am Makulazentrum, dieses aber nicht einbeziehend
  • Schwer – Netzhautverdickung oder harte Exsudate mit Einbezug des Makulazentrums

Klinische Hinweise:

  • Die modernen OCT-Begriffe center-involving und non-center-involving beschreiben OCT-Befunde und sind formal nicht identisch mit mild, mässig und schwer. Nicht automatisch gleichsetzen.
  • Die zentrale Netzhautdicke separat dokumentieren, mit Angabe des Geräts.

Dokumentationsbeispiel: Makulaödem vorhanden, center-involving, zentrale Netzhautdicke 412 µm (Spectralis).

Hypertensive Retinopathie

Vereinfachte Klassifikation nach Wong und Mitchell

Klassifikation: Wong TY, Mitchell P, N Engl J Med 2004 (7).

Was beurteilt wird: Netzhautzeichen der arteriellen Hypertonie in einer klinisch handhabbaren Graduierung.

Untersuchung: Funduskopie in Mydriasis oder Fundusfotografie, interpretiert im klinischen Kontext der Hypertonie.

Grade:

  • Keine – keine erkennbaren Zeichen
  • Mild – generalisierte arterioläre Engstellung, fokale arterioläre Engstellung, arteriovenous nicking, Wandverdichtung der Arteriolen (copper wiring) oder eine Kombination dieser Zeichen
  • Mässig – Netzhautblutungen (fleck-, punkt- oder streifenförmig), Mikroaneurysmen, Cotton-Wool-Herde, harte Exsudate oder eine Kombination dieser Zeichen
  • Maligne – Zeichen der mässigen Retinopathie plus Papillenschwellung

Klinische Hinweise:

  • Die höchste Stufe heisst in der Originalpublikation maligne; schwer ist eine umgangssprachliche Ersetzung.
  • Vor der Einstufung als maligne müssen andere Ursachen einer Papillenschwellung, insbesondere eine anteriore ischiämische Optikusneuropathie, ausgeschlossen werden.
  • Die Zeichen der mässigen Stufe sind nicht hypertoniespezifisch und treten auch bei Diabetes und Venenverschlüssen auf.

Dokumentationsbeispiel: Hypertensive Retinopathie, mässig (Cotton-Wool-Herde und Fleckblutungen beidseits), keine Papillenschwellung.

Keith-Wagener-Barker, historisch

Klassifikation: Keith NM, Wagener HP, Barker NW, Am J Med Sci 1939 (8). Historische Referenz, weiterhin häufig zitiert.

Grade in der gebräuchlichen Wiedergabe:

  • Grad I – milde generalisierte arterioläre Engstellung oder Sklerose
  • Grad II – eindeutige fokale Engstellung und Kreuzungszeichen, mässige bis ausgeprägte Arteriolensklerose, verstärkter arterieller Reflex
  • Grad III – zusätzlich Netzhautblutungen, Exsudate und Cotton-Wool-Herde
  • Grad IV – schwerer Grad III plus Papillenödem

Klinische Hinweise:

  • Die Abgrenzung der frühen Grade ist schlecht reproduzierbar, weshalb klinisch die vereinfachte Klassifikation bevorzugt wird.
  • Der Wortlaut stammt aus späteren Wiedergaben; der Originaltext von 1939 war nicht direkt zugänglich.

Glaskörper und vitreomakuläres Interface

Hintere Glaskörperabhebung – OCT-Staging

Klassifikation: Uchino E, Uemura A, Ohba N, Arch Ophthalmol 2001 (9).

Was beurteilt wird: Stadium der altersbedingten hinteren Glaskörperabhebung am hinteren Pol im OCT.

Untersuchung: OCT des vitreoretinalen Interface, ergänzt durch Biomikroskopie.

Stadien:

  • Stadium 0 – keine Glaskörperabhebung
  • Stadium 1 – inkomplette perifoveale Abhebung in bis zu drei Quadranten
  • Stadium 2 – inkomplette perifoveale Abhebung in allen Quadranten, mit verbleibender Anheftung an Fovea und Papille
  • Stadium 3 – inkomplette Abhebung über dem hinteren Pol, mit verbleibender Anheftung an der Papille
  • Stadium 4 – komplette Abhebung, biomikroskopisch fassbar, im OCT der damaligen Gerätegeneration nicht darstellbar

Klinische Hinweise:

  • Die Abhebung beginnt meist im oberen Quadranten.
  • Die Stadien 1 bis 3 sind biomikroskopisch in der Regel nicht erkennbar.
  • Stadium 4 wurde 2001 mit Time-Domain-OCT definiert; moderne Geräte stellen eine komplette Abhebung oft direkt dar.
  • Ein OCT-Stadium ist nicht gleichbedeutend mit der klinischen Diagnose einer kompletten Glaskörperabhebung mit Weiss-Ring.

Dokumentationsbeispiel: PVD Stadium 2 (Uchino), Anheftung an Fovea und Papille.

Hintere Glaskörperabhebung – PVD-Status vor Linsenchirurgie beim myopen Auge (MYOPRED)

Studie: MYOPRED, prospektive observationelle Multizenterstudie der ESCRS an 10 Zentren in 5 europäischen Ländern; Projektleitung Oliver Findl, Präsentation der Resultate durch Marlies Ullrich, Dreijahresdaten ESCRS-Kongress 2024 in Barcelona, Fünfjahresdaten ESCRS-Kongress 2025 in Kopenhagen (12).

Was beurteilt wird: nicht ein Stadium, sondern der präoperative PVD-Status als Risikoparameter für eine Netzhautablösung nach Linsenchirurgie beim myopen Auge. Die Einteilung ist binär.

  • Komplette hintere Glaskörperabhebung
  • Keine oder inkomplette hintere Glaskörperabhebung

Untersuchung: OCT mit langem Scan durch Makula und Papille. Im Studienprotokoll wurde der PVD-Status zentral durch ein Reading Center graduiert.

Kollektiv: Augen mit Achsenlänge 25 mm oder mehr vor Kataraktoperation oder refraktivem Linsenaustausch; 600 Studienaugen und 368 Partneraugen; mittleres Alter 65 Jahre (23 bis 92 Jahre); mediane Achsenlänge 26 mm, Maximum 35 mm. Ausgeschlossen wurden geplante Kombinationseingriffe sowie Augen mit früherer Netzhautablösung, früherer intraokularer Chirurgie, Uveitis oder Trauma.

Ergebnisse, komplette PVD gegenüber keiner oder inkompletter PVD:

  • Nach 1 Jahr – 0,22 % gegenüber 1,65 %
  • Nach 3 Jahren – 0,44 % gegenüber 3,04 %; Hazard Ratio 5,62 unadjustiert, 4,12 altersadjustiert
  • Nach 5 Jahren – 0,7 % gegenüber 5,4 %
  • Männliches Geschlecht war mit einem etwa achtfach höheren Risiko assoziiert als weibliches, jüngeres Alter ebenfalls mit einem höheren Risiko
  • Die Mehrheit der Augen hatte zu Studienbeginn eine komplette PVD; der Anteil kompletter PVD war bei Frauen in allen Altersgruppen höher als bei Männern

Klinische Hinweise:

  • MYOPRED verwendet die binäre Einteilung und nicht die fünfstufige Skala nach Uchino. Sinnvoll ist, beides zu dokumentieren: das OCT-Stadium und den daraus abgeleiteten binären Status, der die prognostisch relevante Grösse ist. Die Stadien 0 bis 3 nach Uchino entsprechen einer keiner oder inkompletten PVD.
  • Konsequenz für die Sprechstunde: bei Achsenlänge ab 25 mm vor Linsenchirurgie ein OCT mit langem Scan durch Makula und Papille anfertigen und den PVD-Status in der Aufklärung festhalten.
  • Bei der Wahl zwischen refraktivem Linsenaustausch und phaker Linse beim hohen Myopen ist der PVD-Status ein zusätzliches Argument; bei fehlender Glaskörperabhebung sprechen die Daten eher gegen einen refraktiven Linsenaustausch.
  • Die Angaben stammen aus Kongresspräsentationen. Eine indexierte Vollpublikation war zum Zeitpunkt der Erstellung nicht auffindbar; vor Verwendung der Zahlen in der schriftlichen Aufklärung ist der Publikationsstand zu prüfen. Zur fachlichen Prüfung markiert.

Dokumentationsbeispiel: PVD Stadium 2 (Uchino), somit inkomplette PVD; Achsenlänge 27,4 mm; erhöhtes Risiko einer Netzhautablösung nach Linsenchirurgie, im Aufklärungsgespräch besprochen.

Vitreomakuläre Adhäsion – IVTS

Klassifikation: International Vitreomacular Traction Study Group, Duker JS et al., Ophthalmology 2013 (10).

Definition: perifoveale Glasköperabhebung mit verbleibender vitreomakulärer Anheftung und unveränderter Foveamorphologie.

Untersuchung: OCT durch die Fovea; Breite der verbleibenden Anheftung messen.

Unterteilung:

  • Fokal – Anheftung 1500 µm oder weniger
  • Breit – Anheftung mehr als 1500 µm
  • Isoliert – ohne weitere Makulapathologie
  • Begleitend – zusammen mit anderer Makulaerkrankung

Klinische Hinweise:

  • Die VMA ist ein OCT-Befund des normalen Glasköperalterns, keine Erkrankung. Sobald sich die Foveamorphologie verändert, handelt es sich um eine VMT.

Dokumentationsbeispiel: VMA, fokal (900 µm), isoliert, rechtes Auge.

Vitreomakuläre Traktion – IVTS

Klassifikation: IVTS Group, Duker JS et al. 2013 (10).

Definition: anomale hintere Glasköperabhebung mit anatomischer Verziehung der Fovea, möglich sind Pseudozysten, Makulaschisis, zystoides Makulaödem und subretinale Flüssigkeit.

Unterteilung:

  • Fokal – Anheftung 1500 µm oder weniger
  • Breit – Anheftung mehr als 1500 µm
  • Isoliert oder begleitend, wie bei der VMA

Klinische Hinweise:

  • Der Unterschied zur VMA ist die anatomische Veränderung der Fovea, nicht die Breite der Anheftung.
  • Eine breite VMT ist häufig mit einer epiretinalen Membran vergesellschaftet.

Dokumentationsbeispiel: VMT, fokal (620 µm), mit fovealen Pseudozysten, linkes Auge.

Makulaforamen – Einteilung nach Gass

Klassifikation: Gass JDM, Arch Ophthalmol 1988 (13); überarbeitet als Reappraisal, Gass JDM, Am J Ophthalmol 1995 (14). Biomikroskopische Einteilung des Entwicklungsstadiums, Stadium 1 bis 4.

Untersuchung: ursprünglich Biomikroskopie an der Spaltlampe mit Kontaktglas, die Durchmesser wurden dabei geschätzt. Heute wird das Stadium am OCT abgelesen.

Stadien:

  • Stadium 1a – drohendes Makulaloch; foveoläre Abhebung mit gelbem Fleck von etwa 100 bis 200 µm, aufgehobene Foveoladelle, kein durchgreifender Defekt
  • Stadium 1b – okkultes Makulaloch; gelber Ring von etwa 200 bis 350 µm durch zentrifugale Verlagerung der fovealen Photorezeptoren, das Loch bleibt durch die kontrahierte präfoveoläre Glaskörperrinde verdeckt
  • Stadium 2 – kleines durchgreifendes Foramen (<400 µm); entweder zentral und rund oder als exzentrischer, dosenöffnerartiger Einriss am Rand des gelben Rings
  • Stadium 3 – grosses durchgreifendes Makulaforamen (>400 µm) mit noch unvollständiger HGA, häufig mit Pseudooperculum
  • Stadium 4 – durchgreifendes Makulaforamen mit vollständiger HGA, Weiss-Ring nachweisbar

Klinische Hinweise:

  • Stadium 1 ist definitionsgemäss kein Loch. Die Stadien 1a und 1b sind biomikroskopisch nicht zuverlässig zu trennen und werden heute über das OCT-Korrelat beschrieben, also VMT mit fovealer Pseudozyste.
  • Gass beschreibt die Entstehung, die IVTS-Klassifikation den aktuellen Befund. Für die Therapieentscheidung ist der minimale lineare Durchmesser im OCT massgebend, nicht die Gass-Nummer.
  • Der Unterschied zwischen Stadium 3 und Stadium 4 liegt allein im Glaskörperstatus, nicht in der Lochgrösse.
  • Die dem Foramen vorgelagerte Opazität enthält nach Gass meist keine Photorezeptoren und ist von einem Pseudooperculum im Partnerauge nicht zu unterscheiden; der Begriff Operculum sollte deshalb zurückhaltend verwendet werden.
  • Die Mikrometerwerte stammen aus der Originalbeschreibung von 1988 und deren späteren Wiedergaben. Sie wurden biomikroskopisch geschätzt und sind nicht als OCT-Messwerte zu verstehen.

Therapie

  • abhängig vom Stadium und Dauer des Makulaforamens
  • meist keine Operation bei Maculaschichtforamen, VMA und VMT
  • Operationsindikation bei Maculaforamen ab Stadium 3 + 4 (nach Gass), bei Stadium 2 je nach Fall (Spontanverschluss bei kleinen Maculaforamen möglich )
  • Pars plana Vitrektomie mit ILM-Peeling + Tamponade
  • postoperative Lagerung (Bauchlage), Dauer umstritten

Dokumentationsbeispiel: Makulaforamen Gass Stadium 3; im OCT durchgreifendes Foramen mit minimalem linearem Durchmesser 520 µm, ohne komplette hintere Glaskörperabhebung, rechtes Auge.

Durchgreifendes Makulaforamen – IVTS

Klassifikation: IVTS Group, Duker JS et al. 2013 (10).

Definition: foveale Läsion mit Unterbrechung aller Netzhautschichten von der Membrana limitans interna bis zum retinalen Pigmentepithel.

Untersuchung: OCT; gemessen wird der minimale lineare Durchmesser, die schmalste horizontale Breite des Foramens, meist in der mittleren Netzhaut.

Einteilung nach drei Achsen:

  • Grösse – klein (≤250 µm), mittel (>250 µm bis ≤400 µm), gross (>400 µm)
  • Ursache – primär (durch vitreale Traktion) oder sekundär (direkte Folge anderer Pathologie)
  • Glaskörperstatus – mit oder ohne VMT

Klinische Hinweise:

  • Immer angeben, welcher Durchmesser gemessen wurde; Basisdurchmesser und apikaler Durchmesser sind nicht mit dem minimalen linearen Durchmesser austauschbar.
  • Lamelläres Makulaforamen und Makulapseudoforamen sind eigene Entitäten. Massgebend für das lamelläre Foramen ist heute der Konsensus von Hubschman et al. 2020.

Dokumentationsbeispiel: Primäres durchgreifendes Makulaforamen, klein (218 µm minimaler linearer Durchmesser), mit VMT, rechtes Auge.

Epiretinale Membran – OCT-Staging nach Govetto

Klassifikation: Govetto A et al., Am J Ophthalmol 2017 (11).

Was beurteilt wird: OCT-Schweregrad epiretinaler Membranen anhand der Foveaarchitektur und ektoper innerer Fovealschichten (EIFL).

Untersuchung: Spectral-Domain-OCT durch die Fovea.

Stadien:

  • Stadium 1 – milde, dünne Membran; Foveadelle vorhanden
  • Stadium 2 – Verbreiterung der äusseren Körnerschicht und Verlust der Foveadelle
  • Stadium 3 – durchgehende ektope innere Fovealschichten über die gesamte Fovea; alle Netzhautschichten weiterhin klar abgrenzbar
  • Stadium 4 – dicke Membran mit durchgehenden ektopen inneren Fovealschichten und gestörter Schichtung

Klinische Hinweise:

  • Der Visus nimmt von Stadium 1 zu Stadium 4 kontinuierlich ab.
  • Entscheidend für die Abgrenzung der Stadien 3 und 4 ist das Vorliegen durchgehender EIFL, nicht die Membrandicke.

Dokumentationsbeispiel: ERM Govetto Stadium 3, EIFL vorhanden, zentrale Netzhautdicke 480 µm.

Weiterführende Literatur

Quellen und wissenschaftliche Publikationen

1. Ferris FL 3rd, Wilkinson CP, Bird A, et al. Clinical classification of age-related macular degeneration. Ophthalmology. 2013;120(4):844–851. PubMed

2. Ferris FL, Davis MD, Clemons TE, et al. A simplified severity scale for age-related macular degeneration: AREDS Report No. 18. Arch Ophthalmol. 2005;123(11):1570–1574. PubMed

3. Age-Related Eye Disease Study Research Group. An updated simplified severity scale for age-related macular degeneration incorporating reticular pseudodrusen: AREDS Report Number 42. Ophthalmology. 2024. Link

4. Sadda SR, Guymer R, Holz FG, et al. Consensus definition for atrophy associated with age-related macular degeneration on OCT: Classification of Atrophy Report 3. Ophthalmology. 2018;125(4):537–548. PubMed

5. Guymer RH, Rosenfeld PJ, Curcio CA, et al. Incomplete retinal pigment epithelial and outer retinal atrophy in age-related macular degeneration: Classification of Atrophy Meeting Report 4. Ophthalmology. 2020;127(3):394–409. PubMed

6. Wilkinson CP, Ferris FL 3rd, Klein RE, et al. Proposed international clinical diabetic retinopathy and diabetic macular edema disease severity scales. Ophthalmology. 2003;110(9):1677–1682. PubMed

7. Wong TY, Mitchell P. Hypertensive retinopathy. N Engl J Med. 2004;351(22):2310–2317. PubMed

8. Keith NM, Wagener HP, Barker NW. Some different types of essential hypertension: their course and prognosis. Am J Med Sci. 1939;197:332–343. Historische Referenz; Grade nach späteren Wiedergaben.

9. Uchino E, Uemura A, Ohba N. Initial stages of posterior vitreous detachment in healthy eyes of older persons evaluated by optical coherence tomography. Arch Ophthalmol. 2001;119(10):1475–1479. PubMed

10. Duker JS, Kaiser PK, Binder S, et al. The International Vitreomacular Traction Study Group classification of vitreomacular adhesion, traction, and macular hole. Ophthalmology. 2013;120(12):2611–2619. PubMed

11. Govetto A, Lalane RA 3rd, Sarraf D, et al. Insights into epiretinal membranes: presence of ectopic inner foveal layers and a new optical coherence tomography staging scheme. Am J Ophthalmol. 2017;175:99–113. PubMed

12. MYOPRED – Influence of posterior vitreous detachment on retinal detachment after lens surgery in myopic eyes. Prospektive observationelle Multizenterstudie der ESCRS. Dreijahresresultate: Ullrich M et al., 42. ESCRS-Kongress, Barcelona 2024. Fünfjahresresultate: Ullrich M et al., ESCRS-Kongress, Kopenhagen 2025. ESCRS-Studienportal, Studienregister. Kongressdaten, zum Zeitpunkt der Erstellung keine indexierte Vollpublikation auffindbar.

13. Gass JDM. Idiopathic senile macular hole. Its early stages and pathogenesis. Arch Ophthalmol. 1988;106(5):629–639. PubMed

14. Gass JDM. Reappraisal of biomicroscopic classification of stages of development of a macular hole. Am J Ophthalmol. 1995;119(6):752–759. PubMed

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